Heidelberg Marathon 2009
Hallo Sportsfreunde,
nun ist mein Unfall ziemlich genau 3 Jahre her. Seit 1,5 Jahren lebe ich wieder außerhalb der BG Klinik in Tübingen. Und seit 2 Monaten bin ich schon wieder am "Schaffen" im Büro.
Es war Zeit, endlich mal wieder eine sportliche Herausforderung zu suchen. Der Heidelberger Halbmarathon kam zwar etwas früh, findet aber nur alle 2 Jahre statt. Das ist ne echt super Veranstaltung NUR für Rollis!
So etwas konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Doch vorher gab es noch kleine Probleme zu lösen.
Mein bewährtes Handbike: Wie viele wissen fahre ich schon seit nem guten Jahr mit einem Vorspannbike mit Elektrohilfsmotor der Firma "STRICKER" durch die Gegend. Das Teil ist echt klasse, ich fahre ua. damit jeden Tag die 3,5km zur Arbeit. Aber für den HD-HM brauchte ich schon was Sportlicheres. Und mit Hilfsmotor, das geht schon gar nicht!
Mein neues Handbike: Auf der Suche nach einem geeignetem Teil kam ich an der Firma "PRO ACTIV" nicht vorbei. Hab ja schon nen Rolli von dort und bin damit sehr zufrieden. Und nun entdeckte ich das "NJ1"-bike als Tetramodell mit 8-Gang Automatik-Nabenschaltung für mich. Häh, Automatik? Ich hatte da erst einmal sehr viele Zweifel, ob so was richtig funktioniert. Doch das Ding läuft echt klasse. Gut. Allerdings nur mit reiner Muskelkraft gehts schon viel schwerer, als bequem den Hilfsmotor zu zu schalten. Aber mein 2ter Vorname ist ja "Training", und mit der richtigen Einstellung krieg ich das schon hin.
Solch ein Handbike ist aber nicht billig und wird von der Krankenkasse leider nicht übernommen.
Durch einen wirklichen Glücksfall wurde ich mit den Maybach-Radlern bekannt gemacht. Diese Leute halfen mir finanziell sehr mit Ihrer Stiftung und schufen erst einmal die Vorraussetzungen für mein geplantes Abenteuer.
Dabei hatte mich einfach schon mal für den Halbmarathon angemeldet, obwohl das "NJ1" noch gar nicht geliefert war. Als ich es endlich bekam, blieb mir gerade einmal ein Monat, um mich mit dem neuen bike anzufreunden bzw. damit ordentlich Kilometer zu fressen.
Anfangs schaffte ich nicht mehr als 300m am Stück. Ich stand ständig rum, um zu verschnaufen. Wegen eines Harnwegsinfektes musste ich außerdem noch wochenlang Antibiotika schlucken. Das erleichterte mir die ganze Sache nicht unbedingt. Und ich hatte öfters Zweifel, ob ich denn in der kurzen Zeit fit genug werde, um die Strecke im Zeitlimit von maximal 3h zu absolvieren.
Der Rollstuhl(halb)marathon Heidelberg verläuft über eine 22km relativ flache Strecke am Neckar entlang. Es geht in der ersten Hälfte flußaufwärts gen Neckargemünd. Danach rollts auf der gegenüber liegenden Neckarseite nach Heidelberg zurück. Der Veranstalter spricht von "flacher" Strecke.
Für mich als "Nachwuchs-Tetra" türmten sich jedoch manche Bodenwellen zu richtigen Bergen auf. Gleich 300m nach dem Start kam der "steilste" Anstieg der Strecke. 30m aufwärts, wobei jede Tiefgaragen-Ausfahrt noch deutlich steiler ist. Aber ich hatte hier schon richtig zu kämpfen. Als die Geschwindigkeit nur noch 2-3km/h betrug und ich anfing, Serpentinen zu fahren, reichten mir einige Zuschauer sogar Ihre Hand (zum Anschieben). "Tour de France" - Feeling pur, sag ich Euch. Diesmal war ich froh darüber und überglücklich, als ich endlich oben war.
Danach nahm ich wieder etwas Tempo auf und steuerte um die ersten Kurven. In den Linkskurven meldete sich mein Rollstuhlrad mit lauten Schleifgeräuschen am Steck-Schutzblech. So ein Mist! Durch die wirklich kurze Vorbereitungszeit konnte ich die Radstandsverlängerung nicht so ausgiebig testen, jetzt bekam ich die Quittung. Irgendwie musste eine Lösung her, denn diese Schleifgeräusche nervten mich sehr. Als ich dann etwas später meine Eltern am Straßenrand erblickte, fummelte ich bei voller Fahrt das Schutzblech vom Rollstuhl weg und schmiss es einfach quer über die Straße. Regen war sowieso nicht zu erwarten...
Ab diesem Moment, nach ca. 2km fand ich langsam zu meinem Rhythmus. Doch bei jeder noch so kleinen Erhebung kämpfte ich immer wieder mit dem Stehenbleiben. Nach etwa 7-8km kam die Spitze der "alten Marathon-Hasen" schon an wieder mir vorbeigeschossen. Die Jungs (und Mädels natürlich auch) fahren mit Ihren Rennbikes, auch Liegebikes genannt, im Schnitt über 40km/h. Natürlich spielt da auch die unterschiedliche Lähmung eine Rolle. Doch auch in meiner Klasse gibt es richtig schnelle Leute. Seuftz, schluchtz...
Zurück zu mir. Kurz vor der Halbzeit in Neckargemünd sah ich "Berta". Mein Sportkamerad Norbert war mit dem Rennrad unterwegs, um mich ein Stück zu begleiten. Das tat mir ganz gut, denn so langsam bezweifelte ich, dass ich die 22km in der geforderten Zeit schaffen könnte. Dann kam auch noch der "Anstieg" nach Neckargemünd. Doch hier standen so viele Zuschauer, dass ich einfach nicht "schwächeln" durfte. Meine Eltern reichten mir Cola und ein paar Gummibärle. Außerdem wurde ich zur Abkühlung mit Wasser eingesprüht.
Nun sollte es endlich bergab gehen. So dachte ich. Neckar abwärts muss es doch besser rollen. Aber nein. Nach einer viel zu kurzen Brückenabfahrt wartete die wohl "gemeinste" Passage der Strecke auf mich. Du hast optisch das Gefühl, es geht leicht bergab. Aber der Tacho verrät Dir ganz schnell, dass hier was nicht stimmen kann. Es geht "etwas" bergauf. Mit 2-3km/h kam ich echt nur noch schleppend voran. Um der Mittagssonne wenigstens kurz zu entkommen, machte ich (natürlich NUR aus diesem Grund) bei jedem Baumschatten ca. alle 20-30m ne kurze Pause. Mittlerweile war es richtig heiß geworden. So langsam verließ mich mein sonst so reichlich vorhandener Optimismus. Hatte ich mir diesmal zuviel vorgenommen?
In dieser "schlechten" Phase kam der Bernd vorbei. Er war als einer der erfahrenen Tetras mit seinem Rennbike schon in seiner 2ten Runde und rief mir zu: "Nach der nächsten Kurve geht es bergab!". Da mobilisierte ich noch mal alle meine "Restfunktionen".
Und tatsächlich rollte das NJ1 auf einmal leichter und immer schneller voran. Der Tacho zeigte knapp 30km/h und am Straßenrand sah ich Bertas Frau Christiane und weitere Freunde, die mich noch mehr antrieben. Jetzt lief es richtig gut. So hatte ich mir diese Veranstaltung eigentlich vorgestellt. Und über die kleinen Wellen zog ich das Tempo recht ordentlich drüber. Allerdings war der Weg noch weit und ich wurde wieder langsamer, hielt das Tempo gerade noch bei 10-15km/h. Die Schultern brannten ganz schön. Kein Wunder. Denn ich war schon über 2h unterwegs.
Doch nun zog ich durch. Die letzten Kilometer quälte ich mich bis zum Ziel. Nach 2:24:43 h hatte ich es geschafft.
Ein gelungenes "Comeback" nach sooo langer Wettkampf-Abstinenz, wie ich finde. Ich bin jedenfalls total happy und voll motiviert, so etwas noch mal zu machen. Dank Vicky und Jan bin ich in der Lage, Euch meinen Ziel-Einlauf sogar als kleinen Film im Internet zu präsentieren. Viel Spaß dabei!
YouTube - HD2009FINISH
Bis zum nächsten Bericht, vielleicht dann schon über nen ganzen Marathon...
Euer Kretzsche.