Ein Quantensprung
Mit über 40 000 Läufern, Inlineskatern, Handbikern, Rennrollstuhlfahrern, und mehr als 100 000 Zuschauern setzte der 36. Berlin-Marathon neue Maßstäbe. Unser querschnittsgelähmter Leser Hans- Joachim Illiger war dabei.
Auch meine diesjährige Teilnahme am Rennen der Handbiker stellte einen neuen Meilenstein sportlicher Leistungen dar. Diese Reise wurde nur möglich, dank der umfassenden Hilfe und Unterstützung vieler Menschen, die mich bei meiner Querschnittslähmung betreuen, pflegen, fordern und fördern.
Deshalb möchte ich mich ganz herzlich bei meiner Familie, den Pflegekräften des ASB, meiner betreuenden Ärztin, Frau Dr. Wagner, dem Sportverein Germania Meisdorf, dem Sanitätshaus Steinke in Halberstadt, meinen Freunden und Bekannten, die an meiner Technik gebaut und gebastelt haben (hier insbesondere Heiner Richter und Frank Lundershausen) und bei den Sponsoren besonders bedanken, die mir einen wahren Quantensprung meiner Leistung in diesem Jahr ermöglichten.
Bei meinem Start im vergangenen Jahr stand ich ein wenig wehmütig und träumerisch neben den Athleten in ihren superflachen Liegerädern (Handbikes) und wünschte mir insgeheim auch mal in so einem Flitzer an einem Rennen teilnehmen zu können. Es würde viel Zeit gut machen können und sei überhaupt nicht mit einem Adaptivbike (Vorsatzrad vor dem Rollstuhl) zu vergleichen, hörte ich ihre Stimmen, glaubte aber nicht recht an ihre Prophezeiungen. Und auch die Preise für ein solches Sportgerät waren für mich zu utopisch hoch. Dennoch gab ich diesen Gedanken nicht auf und wandte mich mit Hilfe meines Sportvereins an Förderer und Sponsoren. So war es letztlich möglich, mit einem gewissen Eigenanteil, mir ein solches Rad zulegen zu können.
Als es dann aber da war, war ich fast enttäuscht, dass ich nur sehr schwer damit zurecht kam. Erst die individuelle Anpassung und der Umbau des Handbikes, der fast ein halbes Jahr in Anspruch nahm, bis es endlich richtig saß, machte mich optimistisch, noch erfolgreicher - sprich schneller - an dem diesjährigen Marathon in Berlin teilnehmen zu können.
Strahlendes Wetter, eine umwerfende Stimmung und das Gefühl, mit intensivem Training und dem Umbau der Technik vieles richtig gemacht zu haben, stellten sich vor dem Start ein. Wie im vorigen Jahr starteten wir mit dem Startschuss von Bundesfußballtrainer Joachim Löw und des regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit. Das Rennen lief hervorragend an und schon nach den ersten zehn Kilometern merkte ich, dass eine satte Leistungssteigerung möglich sein würde. Die Fassaden und Bezirke von Berlin flogen förmlich an mir vorbei und nach 2:35 Stunden war ich um unglaubliche 55 Minuten eher am Ziel als im vergangenen Jahr.
Es war ein grandioses Erlebnis für meine Begleiter und mich, an diesem Volkssportfest teilgenommen zu haben. Teilnehmer aus über 20 Ländern von den USA über Australien und Brasilien bis hin zu Israel und Norwegen, um nur einige zu nennen, waren meine Wegbegleiter über die 42,195 Kilometer. Später im Ziel sprachen wir uns in "broken english" Glückwünsche aus.
Auf dem Rückweg zum Fahrzeug begegnete uns dann noch Klaus Wowereit, sehr volksnah und sympathisch, der sich interessiert und herzlich an unseren Eindrücken und meiner Fahrradtechnik zeigte. Ein kleines Gruppenfoto mit "Promi" rundete unser Herbsterlebnis ab.
Hans-Joachim Illiger Meisdorf