Mannheim Marathon 2011
Marathon. Dieser Begriff steht für Ausdauer, große Strapazen, sich mehr als 42 km lang zu quälen. Aber auch für große Emotionen, Stimmung und den ultimativen Kick nach Überquerung der Ziellinie. Früher hatte ich als „Fußgänger“ regelmäßig mal ne Langstrecke absolviert. Meinen letzten Marathon war ich 2005 im Rahmen des Kärnten-Ironman gerannt. Aber nun, einige Jahre nach meinem Radunfall 2006 wollte ich es auf andere Weise wieder wissen. Mit meinem neuen Renn-Handbike hatte ich in den vergangenen Monaten fleißig trainiert und war auch schon bei 2 kürzeren Rennen gestartet. Jetzt fühlte ich mich gut gerüstet für den Mannheim-Marathon am 21.05.2011.
Das Schöne an diesem Event ist, dass der Start immer erst am Samstag Abend erfolgt. Da hast du genug Zeit, um in aller Ruhe anzureisen, die Startnummer zu holen und ohne Hektik sich auf das Rennen vorzubereiten. Und abends ist bei frühsommerlichen Temperaturen in Mannheim und überall an der Strecke total viel los. Wohin man auch schaut - es herrscht eine tolle Stimmung.
Der Start war um 17.45 Uhr geplant. Doch auch um diese Uhrzeit gab es noch Temperaturen um die 25°C. Hinzu kam diese eklige hohe Luftfeuchte. Es war leicht windig, aber zum Glück blieben wir die ganze Zeit vom vorhergesagten Gewitter verschont.
Bei Startnummernausgabe traf ich unsere Tetrateam-Mitglieder. Wir saßen ne ganze Weile relaxt vorm Mannheimer Rosengarten und sprachen über die Strecke, Training, Ausrüstung und andere Events. Unsere „alten Hasen“ waren saucool drauf. Doch in mir stieg nach einer Weile meine Aufregung immer mehr an und ich fuhr schnell zurück zu meinem Auto, um mich noch gründlich auf meinen ersten Handbike-Marathon-Start vorbereiten zu können. Dank der Hilfe meiner Eltern Ursel & Klaus gelangte ich zügig ins Liegebike und konnte mich diesmal ordentlich warm fahren.
Circa 20min vor Beginn des Rennens fanden wir uns alle in der Startaufstellung, wünschten uns gegenseitig Glück und warteten gespannt auf den Startschuss. Ich stand am Ende des Feldes und nahm wie immer auch gleich zu Rennbeginn die letzte Position ein. Ich hatte wieder mal nicht die optimale Übersetzung erwischt. Doch nach schnellem hoch schalten bekam ich mit höherem Tempo gerade noch Anschluss an das Ende des Feldes.
Beim Versuch, Peters Windschatten zu erreichen, musste ich alles geben. Doch bis auf 10m kam ich einfach nicht näher heran. Nach 2km entschied ich mich, alleine mein eigenes Tempo zu fahren. Nach und nach fand ich meinen Rhythmus und kurbelte „runder“. Plötzlich entdeckte ich wieder Peter 150m vor mir. Ich merkte, dass ich langsam näher komme. Er hatte mich auch schon im Spiegel bemerkt und wartet etwas, bis ich den Anschluss geschafft hatte. Wir beschlossen, gemeinsam den Marathon zu Ende zu fahren.
Da kam schon die 10Km-Marke. Mit einer Zeit von 35:01min begann ich, schon mal die Endzeit zu kalkulieren. Die Räder rollten super, die Zuschauer feuerten uns wie wild an, und ich genoss diese unglaublich schöne Rennatmosphäre. So konnte es weitergehen. Doch leider endete dieser Streckenabschnitt schneller als gedacht.
Auf einmal hörte ich plötzlich ein lautes Scheppern auf der Strasse hinter mir. Was war denn das? Irgendwie beschlich mich die Vermutung, dass ich etwas von meinem Handbike verloren hatte. Unverzüglich bremste ich und hielt beim nächsten Zuschauer. Der bestätigte mir meinen Verdacht. Der Auffahrschutz an meinem Bike hatte sich durch den stellenweise schlechten Untergrund gelockert und war dann einfach abgefallen. So ein Mist! Während Peter schnell am Horizont verschwand, musste ich warten, bis mir ein freundlicher Mensch mein verlorenes Bauteil hinterher brachte. Doch wie nun befestigen? Werkzeug hatte weder ich noch die vielen Zuschauer dabei. Und die Zeit läuft ja immer weiter. Ich entschloss mich, vorsichtig mit dem lockeren Auffahrschutz weiter zu fahren um irgendwo anders diesen Defekt beheben zu lassen. Zum Glück kam nach 500m der nächste Verpflegungspunkt. Beim Roten Kreuz bekam ich dann doch recht schnell Hilfe. Mit Tape fixierten 2 Helfer meinen Bügel an meiner Rennmaschine. Vielen Dank noch mal Jungs - Euer „Verband“ hat gehalten!
Nun war ich endlich wieder zurück im Rennen. Zügig nahm ich Tempo auf und es lief jetzt echt gut. So hatte ich mir das vorgestellt. Schnell gelangte ich mit flüssigem Kurbeln bis zur Halbmarathon-Marke bei 21,1km. Hier standen meine Eltern. Trotz meines Missgeschicks war ich nur etwa 3min hinter Peter zurück. Und ganz nebenbei bedeutete meine Durchgangszeit einen neuen persönlichen Rekord für die Halbmarathonstrecke.
Doch genug gefreut. Nun folgte die lange Rheinbrücke nach Ludwigshafen, ein schwerer Streckenteil. Meine Bergschwäche zwang mich schnell, auf das kleine Kettenblatt zu schalten. Ab sofort war Kurbeln mit weit unter 10km/h angesagt.
Oben auf der Brücke gab es eine 180°-Wende. Dummerweise geriet ich gerade hier zwischen eine Gruppe von Inlinern und schaffte es nicht, in einem Zug zu wenden. Trotz einiger Rangierübungen im Training war ich wieder mal hängen geblieben. Aber ich schaffte es ohne fremde Hilfe dann doch noch im 2ten Anlauf. Bald war dann Ludwigshafen erreicht. Hier rollte es wieder sehr ordentlich. Lange Zeit gelang es mir, konstant ein gutes Tempo um 20km/h zu halten. In meinem Kopf stieg die Hoffnung, vielleicht sogar eine Ziel-Zeit unter 2:30h erreichen zu können. Aber da wartete ja noch einmal der Rückweg über den Rhein auf mich.
Zu Beginn der Steigung zur Rheinbrücke, etwa beim 37km-Schild, sprang mir beim Schalten die Kette vom kleinen Kettenblatt runter. Und das direkt am Berg. Was für ne blöde Situation. Hektisch versuchte ich, den Schaden zu beheben. Im Training hab ich schon oft die Kette selbst wieder aufs Kettenblatt gebracht. Doch diesmal schaffte ich es nicht alleine. Die Kette hatte sich regelrecht verklemmt. Zum Glück halfen mir 2 Inlineskater. Mit brachialer Gewalt würgten sie die Kette wieder drauf und ich konnte weiter. Doch vor lauter Angst, die Kette könnte noch einmal runter springen, kurbelte ich nur auf dem kleinen Blatt weiter.
Als ich dann endlich den Scheitelpunkt oben auf der Brücke erreicht hatte, und es eigentlich nur noch berg runter gen Mannheim ging, riskierte ich es doch und schaltete wieder aufs große Kettenblatt. Die Kette spurte und gab mir die Gelegenheit, noch mal mit Vollgas in Richtung Ziel zu düsen.
Auf dem letzten Kilometer gab es den Zusammenschluss mit den Halbmarathon-Läufern. Das bedeutete für mich noch einmal Vorsicht. Viele erschöpfte Läufer ließen mir kaum Platz zum Überholen. So kurz vorm Ziel wollte ich dann nichts mehr riskieren, um noch ein paar Sekunden schneller zu sein. Ich genoss viel lieber die tolle Atmosphäre und kurbelte ganz locker ins Ziel.
Auf meinem Tacho blieb die Zeit bei 2:29:55h stehen. Aufgrund einiger Stehzeiten wegen meiner Probleme während des Rennens vermutete ich meine Endzeit in etwa bei 2:35h. Tja, und bei meinem Pech an diesem Tag ist es doch auch kaum verwunderlich, dass es von mir kein offizielles Ergebnis vom Marathon gab, weil bei mir die Zeitmessung nicht funktioniert hat. Und so war mein Marathon noch immer nicht beendet. Wieder zu Hause angekommen, schrieb ich an das Orga-Team. Bald stellte sich heraus, dass es bei vielen Startern ähnliche Probleme gab. Seit heute bin aber doch gewertet. Und schneller als vermutet.
Ich bin selbst überrascht von meiner guten Zeit von 2:30:51h. So schnell hatte ich mich selbst nicht eingeschätzt. Nun kann ich moralisch gestärkt in voller Hoffnung nach Berlin schauen. Beim dortigen Marathon komme ich hoffentlich ohne größere Probleme über die Distanz, Jetzt werden wir erst einmal den Auffahrschutz richtig einkleben und Schaltung am Bike besser einstellen, Ach ja, und noch härter trainieren könnt ich auch noch, damit ich dann besser Anschluss ans Feld halten kann.
Und meine Ziele sind schon klar gesteckt. Zuerst muss natürlich mal die 2:30h-Marke fallen. Das sollte nicht so schwer sein. In meinen 3 Rennen in 2011 hab ich jeweils alle meine persönlichen Rekorde aus Läuferzeiten geknackt. Getreu dem Motto: „Mit den Armen schneller als zu Fuß“ werde ich mich dann an die offiziellen Läufer-Weltrekorde wagen. Das sind 10km in 26:17min, Halbmarathon in 58:23min und Marathon in 2:03:59h. Bis zur 2h-Schallmauer für Tetraplegiker im Marathon ist es dann auch nicht mehr weit.
Doch ehe ich das alles schaffe, könnte noch ne Weile vergehen. Aber Ziele braucht doch Jeder! Und ich bin ganz optimistisch. Es geht noch viel mehr bei mir – das könnt ihr mir glauben.